Bei PUMA war Messerdesign nie allein eine Angelegenheit des Zeichenbretts. Die Solinger Messermanufaktur hat seit dem Neuanfang nach 1945 konsequent auf die Zusammenarbeit mit ausgewiesenen Praktikern gesetzt – Jägern, Outdoorspezialisten, Messermachern und Künstlern, die ihre Ideen nicht aus dem Nichts schöpften, sondern aus jahrelanger Erfahrung im Revier, in der Wildnis und am Amboss. PUMA-Chronist Jörg Hübner, der die Firmengeschichte seit Jahren dokumentiert, bringt es auf den Punkt: „Es ist kaum möglich, alle PUMA-Modelle aufzuzählen, die in Kooperation mit ausgewiesenen Fachleuten entstanden sind.“ Einige sollen hier dennoch vorgestellt werden – und mit ihnen die Geschichten, die unsere Messer zu dem gemacht haben, was sie heute sind.
Die Wende nach 1945 – Neuausrichtung auf Jagd- und Freizeitmesser
Der internationale Durchbruch von PUMA gelang erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Oswald von Frankenberg und Ludwigsdorf, der Ehemann von Renate Lauterjung, stellte das Sortiment gezielt auf Jagd-, Fischerei- und Freizeitmesser um und band namhafte Jagdexperten und Messergestalter aus dem In- und Ausland ein. Jörg Hübner beschreibt es so: „So gaben in der Folgezeit Fachleute wie Oberforstmeister Walter Frevert, SchweißhundFührer Walter Tassius und später die Messermacher Peter Herbst sowie Richard Hehn, Survival-Spezialist Tony Lennartz und viele andere Brancheninsider den PUMA-Messern ihre Form.“ Wer die handwerkliche Tradition und die frühen Wurzeln der Solinger Jagdkultur näher kennenlernen möchte, findet in unserem Artikel über klassische Solinger Fahrtenmesser eine ausführliche Einführung.
Walter Frevert – Der Forstmann vom Kaltenbronn
Walter Frevert (1897–1962) war Forstmann, Jagdschriftsteller und eine der prägendsten Figuren des deutschen Jagdwesens der Nachkriegszeit. Als Leiter des Badischen Forstamtes Kaltenbronn – dem Repräsentationsjagdrevier des Landes Baden-Württemberg – und langjähriger Präsident des Internationalen Schweißhundeverbandes brachte er praktisches Wissen mit, das kein Lehrbuch ersetzen konnte. Seine Jagdbücher galten als Standardwerke und haben ganze Jägergenerationen mitgeprägt.
Jörg Hübner erinnert: „Die Zusammenarbeit mit Walter Frevert brachte in den 1950er Jahren zahlreiche Klassiker wie das berühmte ‘Waidbesteck’, bestehend aus ‘Waidblatt’ und ‘Nicker’, den ‘Försternicker’, den ‘Jagdnicker’, das ‘Universaljagdtaschenmesser’ sowie die ‘Saufeder’ hervor.“ Das PUMA Waidbesteck – das wohl bekannteste Stück dieser Kooperation – gehört nach wie vor zur traditionellen Jagdausrüstung und wird von uns in Solingen von Hand gefertigt. Alternativ ist es auch mit eleganten Walnussholzgriffen erhältlich.
Ein weiterer Berater jener Zeit war Walter Tassius, SchweißhundFührer und Kenner der jagdlichen Praxis. Er zeichnete für den Entwurf des Wildтöter sowie des Rüdemann verantwortlich – beides Messer, die für die speziellen Anforderungen bei Drückjagd und Nachsuche entwickelt wurden.
Das White Hunter – Eine Klinge für viele Missionen
Kaum ein Modell steht so sehr für die internationale Strahlkraft von PUMA wie der White Hunter. Ursprünglich für eine ostafrikanische Jagdorganisation von PUMAs damaligem Produktionsleiter Hermann Heck entwickelt, bewies diese Klinge eine außerordentliche Vielseitigkeit: als Automesser, Boots- und Tauchermesser, Pilotenmesser der Luftwaffe und als Survivalmesser fand dieselbe Klingenform in völlig unterschiedlichen Kontexten Verwendung.
Jörg Hübner erklärt das Prinzip: „Alle diese Varianten unterschieden sich lediglich durch die Griffmaterialien. Die Klinge war einheitlich mit einer robusten Beilschneide und Hammerfläche auf dem Rücken sowie einer Anreißsäge am Ende der Schneide versehen.“ Heute ist der White Hunter als zeitloser Klassiker erhältlich – in der klassischen Ausführung oder als eleganter White Hunter 240 Stag mit Hirschhorn. Das ebenfalls aus dieser Ära stammende PUMA Automesser feiert dieses Jahr sein 66-jähriges Jubiläum.
Die 4-Star Serie – Transatlantische Zusammenarbeit
Mit dem amerikanischen Messerspezialisten Horace L. Wiggins öffnete sich PUMA bewusst nordamerikanischen Impulsen. Die daraus entstandene 4-Star Serie – Jagdmesser mit robuster Droppointklinge, massiven Bolstern aus Neusilber und wahlweise feststehender oder klappbarer Ausführung – zählt heute zu den langlebigsten Serien unserer Geschichte. Hübner notiert die späteren Veredlungen: „Sogar Luxusausführungen mit Schalen aus Halbedelsteinen und hochwertige Exemplare mit farbigen Gravurarbeiten von Künstler Arno Hopp sowie weitere Sondereditionen bereicherten später die beliebte ‘4-Star’ Serie.“ Das Grundkonzept hat nahezu ein halbes Jahrhundert überdauert: Heute sind der 4-Star Stag und der 4-Star Mini Stag nach wie vor im Programm.
Richard Hehn – Formstrenge und handwerkliche Konsequenz
Richard Hehn zählt zu den renommiertesten Messermachern Deutschlands und ist Mitgründer der Deutschen Messermacher Gilde (DMG). Für PUMA entwickelte er den Defender sowie das Cougar – zwei feststehende Messer mit markanter Konstruktion: Klinge und einteiliges Griffstück aus Stahlfeinguß werden in einem Spezialverfahren verbunden und mit der PUMA-Raute aus poliertem Stahl vernietet. Eine Lösung, die technisch wie ästhetisch überzeugt.
Ebenfalls von Hehns Hand stammt das Custom – ein Klappmesser mit gesintertem Griffkörper und Schalen aus Schlangen- oder Rosenholz, das dem Käufer die Wahl zwischen Ein- und Mehrlagenstahl ließ. Der Cougar in der Holzausführung ist heute wie damals erhältlich und hat, wie Jörg Hübner schreibt, „seinen Mythos bis heute nicht verloren.“
Tony Lennartz – Das Messer aus der Wildnis geboren
Kaum jemand verkörpert das Prinzip „Messer als Werkzeug zuerst“ so konsequent wie Anton „Tony“ Lennartz. Der Survival- und Outdoorspezialist entwickelte in den 1980er Jahren einen 12-Punkte-Anforderungskatalog für ein Messer, das seinen Ansprüchen in der Wildnis standhalten sollte – nachdem praktisch jedes verfügbare Modell im Feld früher oder später versagte. Hübner fasst es knapp: „Er erfand mit seinem ‘German Expedition Knife’ (GEK) ein Werkzeug, das als Ikone der Survivalmesser in die Geschichte einging.“ Das 1990 vorgestellte GEK – Ganzstahlkonstruktion, durchbrochenes Griffstück, Clippoint-Klinge, reduziert auf das Wesentliche – war die kompromisslose Antwort auf reale Erfahrung. Ab 1992 übernahm PUMA die Fertigung. Wer die Geschichte dieses Ausnahmemessers im Detail kennenlernen möchte, findet sie in unserem Beitrag „Das Deutsche Expeditionsmesser“. Das PUMA GEK ist heute in überarbeiteter Form erhältlich. Zuletzt entstand in Zusammenarbeit mit Tony Lennartz auch der PUMA Robuster – ein Messer, das derselben Philosophie folgt: Werkzeug zuerst, Ästhetik als Konsequenz.
Heinz-Peter Knoop – Vier Jahrzehnte Formensprache
Wenn es einen Namen gibt, der das visuelle PUMA-Erbe des späten 20. Jahrhunderts wie kein anderer prägt, dann ist es Heinz-Peter Knoop. Der 1947 in Solingen geborene Bildhauer und Gestalter – ausgebildet bei dem Solinger Bildhauer Arthur Wasserloos, geprägt von dessen Leitspruch „Jede Arbeit so, als wäre es deine letzte“ – wurde über mehr als vier Jahrzehnte zum inoffiziellen Hausdesigner der Manufaktur. Jörg Hübner würdigt sein Werk: „Die meisten der seit den 1970er Jahren in Handarbeit gefertigten Messermodelle stammen aus der Feder von Heinz-Peter Knoop, der über vierzig Jahre für PUMA als ‘Hausdesigner’ tätig war. Viele seiner Messer sind besonders ergonomisch gestaltet, wie z.B. die 2+2 Serie, und haben über die Zeit nationale sowie internationale Preise verschiedenster Designwettbewerbe gewonnen.“ Knoops Formensprache folgt denselben Prinzipien wie seine bildhauerischen Arbeiten: Klarheit, Reduktion, Ebenmaß und Harmonie. Seine Skulpturen zeichnen sich, so das Kunstmuseum Solingen, durch „Klarheit, Reduktion, Ästhetik, Harmonie und Ebenmaß“ aus – und dasselbe gilt für jedes Messermodell, das er entwarf. 2017 trat Knoop nach über 40 gemeinsamen Jahren mit Geschäftsführer Harald Lauer in den wohlverdienten Ruhestand – und hinterließ ein Werk, das Sammlerwert und praktischen Nutzen auf selten erreichte Weise vereint.
Zusammenarbeit als Prinzip – gestern wie heute
Die Geschichte von PUMA und seinen Designern ist kein abgeschlossenes Kapitel. Hübner bringt es auf den Punkt: „Bis zum heutigen Tage sind etliche weitere Klingenformen entstanden, die sich in der Praxis bewährt haben. Alle diese sowie viele weitere Modelle werden heute noch produziert und sind inzwischen zu echten Klassikern geworden.“ Die besten Messer entstehen eben nicht allein am Reißbrett – sondern im Dialog zwischen dem Handwerk Solingens und den Menschen, die Messer wirklich nutzen. Einen Blick auf die jüngsten Neuheiten aus diesem Geist heraus bietet unser Artikel über die neuen PUMA Bowie-Modelle Sedona, Tucson und Phoenix.
